logoJa, wir sind wieder zurück. Die beste Nachricht zuerst:

Kein Unfall, keine Panne, alle sind unverletzt 

Diesmal hat Andreas Andreasden Bericht geschrieben. Wahrscheinlich wird es euch wie mir gehen. Beim ersten Lesen musste ich mehrmals abbrechen, weil ich vor lauter Lachtränen in den Augen nichts mehr sehen konnte.  Ich überlege, ob wir Andreas zum MTB-Poeten ernennen sollten. Das würde allerdings für ihn bedeuten, dass er jede MMM mitfahren muss/darf.

Kurz-Fazit von mir: "nur" 3 Mann, aber Spaß gekriegt für zehn. Tolle Trails (so viele Wurzeltrails bin ich noch NIE gefahren), wird spätestens nächstes Jahr wieder stattfinden. 

Aber lest jetzt selbst.  Der passenden Kommentar von Andreas zu den Bildern lautet übrigens: "Was man in den Medien alles machen kann: nur glückliche Gesichter, spektakuläre Landschaft, sagenhafte Trails. Wie fotografiert man eigentlich Scheißwetter, das Leiden Christi und einen Hungerast?": 

 

Der Weg der Sinne

 

MMM4-RHSt_17.05.2007_12-55-25... so haben findige PR-Menschen den Rothaarsteig getauft, der sich auf einer Länge von insgesamt 154 Kilometern zwischen Brilon in Nordrhein-Westfalen und Dillenburg in Hessen spannt. Auf seinem Weg durch das Sauerland, Wittgenstein und das Siegerland bis ins Lahn-Dill-Bergland quert er an seiner höchsten Stelle den Kahlen Asten (841 m) und verläuft mit grundsätzlichem Nord-Süd-Gefälle stets in dem für Mittelgebirgslagen typischen - und für Wanderer und Biker gleichermaßen Kräfte zehrenden - Sägezahn-Profil zwischen ca. 250 und 830 Höhenmetern.

MMM4-RHSt_17.05.2007_16-04-22Der Weg der Sinne hat also weniger mit Sinnlichkeit im Sinne von Wellness und Wohltat gemein, sondern vielmehr mit (Selbst-)Erfahrung in einer Natur zum fühlen und anfassen - quasi der Jakobsweg vor der Haustür. Ergänzt wird das Erfahrungsangebot üppiger Natur durch zahlreiche am Hauptweg installierte Aussichtskanzeln, Bänke, Brücken, Infotafeln und Fitness-Inseln im Stil der Trimm-dich-Pfade aus den trendigen 70ern. Und das Konzept scheint aufzugehen: Nirgendwo trafen wir bislang auf entspanntere Wanderer, die nicht nur bereitwillig "ihren" Wanderweg für uns Biker frei gemacht haben, sondern uns uphill sogar angefeuert und downhill applaudiert (!) haben. In einer der wenigen Pausen, die Reinhard zuließ, wurden wir von zahlreichen und so intensiv neugierigen Wandersleut' umringt, dass nur ein mahnendes "Nur kucken, nicht anfassen!" Mensch und Material vor allzu prüfenden Berührungen schützte. So viel Harmonie tröstet dann auch locker darüber hinweg, dass die Garmins an meinem und Reinhards Lenker sofort mit wissendem Nicken als "vernünftige" Beleuchtungsanlagen identifiziert wurden.

MMM4-RHSt_17.05.2007_12-40-26Der Weg der Sinne bedeutet für Biker aber auch, dass sie Ihre fünf Sinne stets beisammen haben sollten, denn weite Teile der Strecke verlaufen uphill wie downhill über technisch anspruchsvolle Wurzel-Trails, die zudem bei feuchter Witterung zur ganz besonderen Herausforderung werden. Für fahrtechnisch weniger versierte Biker ist jedoch in den meisten Fällen ein chicken-way auf parallelen Forstwegen oder Straßen vorhanden. Dank der vorbildlichen Beschilderung und der Kennzeichnung mit dem prägnanten Rothaarsteig-Logo findet man jederzeit - auch ohne GPS - wieder auf den rechten Weg zurück.

Der Weg der Sinne entfaltet seinen Charme zunächst aber nur spröde, zumindest wenn man wie wir die originäre Fahrtrichtung samt Höhenprofil umdreht und den Rothaarsteig in Süd-Nord-Richtung von Dillenburg aus befährt - und es, wie bei unserem Tourstart, bei Temperaturen unter 10 0 C kräftig regnet. MMM4-RHSt_17.05.2007_12-45-22Für die Richtungsänderung hat sich Reinhard entschieden, weil der erste Streckenabschnitt zwischen Brilon und Altastenberg wegen des starken Waldbruchs, den Orkan Kyrill am 19. Januar angerichtet hat, immer noch unfahrbar ist und Dillenburg von Westen her über die A 45 als Ausgangspunkt auch wesentlich besser erreichbar ist.

Der Weg der Sinne mäandert zunächst durch die Vorort-Siedlungen von Dillenburg und die Wiesen und Wälder kleinerer Weiler, bevor er dann erst nach gut zehn Kilometern in den Wald eintaucht - und fortan kaum Kontakt mehr zur Zivilisation hält. Das ist zwar dem Naturerlebnis durchaus förderlich, für die Einkehr zur Mittagszeit aber tödlich. Auch die Abfahrt in die nahe liegenden Orte kann man sich nach unserer Erfahrung schenken. MMM4-RHSt_17.05.2007_14-38-00In Hainchen z. B. stießen wir nur auf zwei augenscheinlich schon lange nicht mehr bewirtschaftete Gasthäuser. Zwar konnten wir den Kahlen Asten auf unserer Tour nicht sehen, den Hungerast jedoch konnte ich mehrmals deutlich spüren. So war dann schnell klar, dass das ursprünglich mit Altastenberg gesteckte Tagesziel - zumindest für mich - zu ehrgeizig war und unter diesen Bedingungen nicht erreicht werden konnte.

Jedoch den Seinen gibt's der Herr im Schlaf! Die Offenbarung erschien uns an einer - Ironie des Schicksals! - als "Kaffeebuche" bezeichneten Wegespinne in Gestalt eines namenlosen aber hilfsbereiten Locals. Sein Vorschlag, die in Reinhards Tourplanung vorgesehenen Höhenmeter über den Jagdberg auszulassen und statt dessen parallel zu diesem Höhenzug bis zur Lahnquelle und dem dortigen Gasthaus "Lahnhof" zu fahren wurde von mir spontan und enthusiastisch angenommen und sogar von Reinhard mit einem (doch arg gepresst klingenden) "Von mir aus, gerne!" quittiert. Weil Markus aber ohnehin schon fröhlich schwatzend mit dem Local auf die Weichei-Runde eingebogen war, blieb für Kurskorrekturen eh keine Zeit mehr. So erreichten wir dann nach immerhin 48 schlammigen und uphill-lastigen Kilometern den "Lahnhof", verabschiedeten uns von meinem Retter, traten - versifft wie wir waren - ein, und wurden fortan der Glückseligkeit teilhaftig!

MMM4-RHSt_18.05.2007_10-17-15In der Biker-Ecke (mit abwaschbaren Kunststoffpolstern) der Gaststube wurden uns Kaffee und Kakao, Waffeln mit Sahne und Eis, Strammer Max, Kraftbrühe und Kartoffelsuppe serviert. Und während Markus noch ausgiebig die Gelegenheit nutzte, das im tiefen Geläuf angestaute Kommunikationsdefizit systematisch mit der stimmungsvollen Wander-Plautzen-Truppe am Nachbartisch abzuarbeiten, machte er gleichzeitig mit dem Chef des Hauses unsere Übernachtung im Appartement des Zweitbetriebs "Gästehaus Giller" im Örtchen Lützel klar - welch' begnadetes Multitasking! Gestärkt und durch das neue Ziel motiviert brachen wir auf - und die Sonne durch die Wolken!

MMM4-RHSt_18.05.2007_10-21-57Der Weg der Sinne machte fortan seinem Namen mit souligen Trails und wärmender Sonne bis Lützel alle Ehre. So begeisternd war's, dass ich mich an einer der vielen Schlüsselstellen spontan über den Lenker auf dem Wurzelteppich vor so viel Flow verbeugen musste. Dieser zweite Teil der Strecke ließ uns ahnen, mit welchen fahrtechnischen und landschaftlichen Highlights der höher gelegene Teil des Rothaarsteigs bis Altastenberg und schließlich bis zuletzt nach Brilon noch aufwartet!

Im "Gästehaus Giller" hat dann nach unserer Ankunft in Lützel alles gepasst: Lockere Atmosphäre, Begrüßung mit Weißbier, Wasserschlauch und Garage für die Bikes, frisches und leckeres Essen für die Biker, großes Appartement, bequeme Betten und reichhaltiges Frühstück.

Der Weg der Sinne zeigte sich auf der Rückfahrt besonders sinnlich und verwöhnte uns - in dieser Fahrtrichtung - stets mit viel Flow, Sonnenschein und auf den am Vortag ausgesparten Streckenabschnitten reichlich mit weiteren fahrtechnischen Schmankerln. MMM4-RHSt_18.05.2007_09-58-23Selbst die gewaltigen Kahlschläge und Verwüstungen, die Kyrill auf den Höhenzügen angerichtet hat - das Sauerland ist immer noch die von Kyrill am meisten geschädigte Region - wirkten im Sonnenschein nicht so depressiv, wie in den grauen Regenschleiern des Vortags.

Der Weg der Sinne war auch für uns reich an Erfahrungen - positiven wie lehrreichen - und hat Lust auf ein ganzheitliches Rothaarsteig-Erlebnis gemacht, das Reinhard nach Klärung organisatorischer Details an dieser Stelle auch anbieten möchte. Wer neugierig geworden ist, sollte also regelmäßig wieder hier reinschauen, es lohnt sich bestimmt. Aber Vorsicht: Wenn Reinhard sagt, das sei nichts für Gelegenheitsfahrer, dann meint er das auch so! Überhaupt sind er und Markus in bestechender Form gewesen - Respekt, meine Herr'n!

Soviel zur Schilderung meiner Eindrücke unserer Vatertagstour der besonderen Art. Nur der Vollständigkeit halber sei abschließend noch die auf der Rückfahrt getroffene Vereinbarung angemerkt, den inhaltlichen Schwerpunkt des Berichts - wenn ich ihn schon selbst schreibe - nicht auf mein ständiges Abkacken am Berg legen zu müssen, im Sinne einer ausgeglichenen Berichterstattung dann aber auch auf die Erwähnung von Reinhards Erfrierungserscheinungen beim Wort "Pause" und von Markus' selbst gestrickten Armlingen zu verzichten ;-)

 

Bornheim, 20. Mai 2007

Andreas Bähre