Levo 2017 vs 2019 3

Ich fahre seit knapp 2 Jahren das Levo Modelljahr 2017. Das musste vor ein paar Tagen zur Inspektion zum Händler, bei dem ich es gekauft habe (bestbike in Alsdorf).
Andreas stellte mir dankenswerterweise für die Zeit, in der sich mein Bike dort befand ein funkelnagelneues Specialized Turbo Levo Comp Carbon FSR als Testbike zur Verfügung. Specialized hat für das Modelljahr 2019 das E-MTB Levo komplett überarbeitet. 

Da war es natürlich spannend, ausgiebig die Unterschiede zwischen den beiden Modellen zu testen. In diesem Artikel möchte ich euch meine persönlichen Eindrücke schildern. Deswegen verlinke ich mit Absicht nicht auf Testberichte des neuen Levos. Die und natürlich auch eine Übersicht der neuen Modelle findet ihr sicher selbst beim Googlen. Mir geht es hier eher um einen Vergleich des 2017er zum 2019er Modell.

Rahmen und Laufräder:

Schon das "alte" Levo orientierte sich am Rahmendesign des aktuellen klassischen Bio-Bikes "Stumpjumper". Das wurde in diesem Jahr an die aktuellen Erkenntnisse angepasst und neu designed. Für das 2019er Levo wurde dieses dann übernommen.
Gleichzeitig wurde die Größe der Laufräder von 27,5 auf 29 Zoll geändert (es können aber auch wahlweise 27,5 Zoll Laufräder im neuen Levo gefahren werden, der Auslieferungszustand ist aber 29 Zoll). Die Reifenbreite wurde von 3,0 auf 2,6 Zoll reduziert.
Meine Eindrücke: Beim 2019er fühle ich mich "weiter vom Boden weg" und eher auf als im Bike sitzend als beim 2017er. Das 2019er fühlt sich für mich eher etwas "stelzig" an. Es kann aber natürlich auch sein, dass ich mich schon so an die breiten Reifen und die 27,5-Zoll Laufräder gewöhnt habe, dass ich mich auf dem 2017er insgesamt wohler und sicherer fühle.

Besonders gespannt war ich auf den Vergleich zwischen den mit 2,6 Zoll im Vergleich schmal bereiften 29 Zoll Laufrädern und den dick bereiften 27,5 Zöllern. Den Vorderreifen meines 2017er Levo habe ich mittlerweile von 3,0 Zoll auf 2,8 Zoll Breite gewechselt. Schon dadurch empfand ich das Handling eine Spur exakter. Bei den 29er Laufrädern wird dieser Effekt nochmals etwas deutlicher. Er lässt sich tatsächlich noch eine Nuance exakter steuern. Um die richtige Linie zu treffen ist bei den 27,5 Zöllern etwas mehr Krafteinsatz nötig. 

Die großen 29 Zoll Laufräder im Levo 2019 überrollen tatsächlich Stufen und Treppen etwas "selbstverständlicher". Dafür kannst du mit den 27,5 Zöllern im Levo 2017 bei Wurzeln einfach nur so draufhalten und brauchst dir um die Linie keine grossen Gedanken zu machen. Die Dicken schmiegen sich, gerade wenn sie mit geringem Luftdruck tubeless gefahren werden, einfach so um die Wurzeln rum und haben einen genialen Grip. Zum Thema Reifenbreite haben ich einen interessanten Vergleichstest der bike von Anfang 2018 gefunden. Dort wird auch bestätigt, dass die Breite der 2,6 Zoll breiten Reifen sich eher den 2,35er als dem 2,8er nähert. Die 2,8er sind also wirklich sichtbar breiter und damit auch voluminöser.

Liegt eurer Schwerpunkt bei Touren fahren, dürfte euch das etwas bessere Rollverhalten der 29er eher gefallen. Mir gefallen die 27,5 Zöller für meine Strecken und meinen Fahrstil besser.

Die Fahrwerke habe ich im Vergleich in etwa auf dem gleichen sehr hohen Niveau empfunden.

Insgesamt geht das Kapitel Rahmen und Laufräder für mich persönlich an das 2017er.

Motor und Akku:

Der Brose-Motor im 2019er Modell wurde ebenfalls grundlegend überarbeitet. Er soll dadurch deutlich stärker und zudem sensibler geworden sein. Die spannende Frage war, ob ich die Veränderung tatsächlich spüren konnte.

Für mein Levo 2017 habe ich nach mittlerweile ca. 13.000 gefahrenen Kilometern meine individuellen Einstellungen gefunden. Um vergleichen zu können, hätte ich gerne meine Einstellungen 1:1 vom Levo 2017 auf das Levo 2019 übernommen. Das ist aber durch unterschiedliche Software-Versionen für Akku und Motor nicht möglich. So habe ich versucht, zum Testen das gefühlt gleiche Setup beim Levo 2019 einzustellen. 

Meine Eindrücke: Ein entscheidendes Kaufkriterium für mein Levo war seinerzeit der extrem leise Brose-Motor. Erst bei höherer Beanspruchung ist ein Motorengeräusch zu hören. Vom Motor des 2019er Levo bin ich etwas enttäuscht. Bei jeder Umdrehung ist ein hochfrequentes Pfeifen zu hören. Nicht laut, aber eben doch mal mehr oder mal weniger hörbar. Dazu kommt, dass schon ab einer deutlich geringeren Belastung (etwa ab dem viertkleinsten Ritzel) das Motorengeräusch selbst zu hören ist. Nur um es mal deutlich zu sagen, wer das Motorengeräusch eines Bosch- oder Yamaha-Motors kennt, das deutlich lauter ist, wird sagen, ich würde auf einem hohen Niveau jammern. Die anderen Motoren sind nämlich deutlich lauter. Aber der Vorteil, den bisher Brose gegenüber einem Shimano-Motor (den ich Anfang September ausführlich testen konnte) hatte, ist für mich mit dem neuen Motor dahin. Beide sind jetzt was die Lautstärke betrifft auf einem ähnlichen Niveau.


Darüber hinaus musste ich feststellen, dass der Akku-Verbrauch meines Erachtens bei gefühlt gleichen Einstellungen deutlich höher ist, und zwar geschätzte 30-50%. Verbrauche ich bei der gleichen Tour beim 2017er Levo zwischen 5 und 6 Watt pro Kilometer, liege ich beim 2019er Levo zwischen 8 und 9 Watt/Kilometer. Ich hatte sogar Gelegenheit, eine weitgehend flache Tour mit identischer Geschwindigkeit (und somit wahrscheinlich auch gleicher Motorunterstützung) mit den beiden Levos jeweils nur in der untersten Unterstüztungsstufe zu fahren und zu vergleichen. Das 2017er Levo verbrauchte 4,5 Watt/Kilometer während das 2019er mit 6 Watt/Kilometer ca. ein Drittel mehr konsumierte. Auch von der erhöhten Power, die angeblich der neue Motor haben soll, konnte ich, wenn überhaupt nur etwas in der obersten Unterstützungsstufe feststellen. Die brauche ich persönlich aber nur in seltenen Ausnahmesituationen. Auch von den sonstigen Verbesserungen wie z.B. verbessertenAnsprechverhalten konnte ich nichts feststellen. Die Runde Motor und Akku geht somit für mich persönlich also ebenfalls klar(!) an das 2017er Levo.

Sonstiges:

Schon mit der Modellversion 2018 sind die Macher vom ursprünglichen Konzept, keine Lenkerfernbedienung und keine Schiebehilfe anzubieten, abgewichen. Das bleibt auch so beim 2019er Modell. Ich hatte erstmals Gelegenheit, den wirklich sehr kleinen Schalter auszuprobieren. Ich finde die Umsetzung sehr gelungen zumal die neu auf dem Oberrohr (bisher seitlich) platzierte Anzeige neben dem Akkustand auch noch die derzeitige Unterstützungsstufe anzeigt. Schön wäre es, wenn der Akkustand zusätzlich auch noch in Ziffern angezeigt würde. Auch die Schiebehilfe funktioniert gut und dürfte bei einem schweren E-MTB eine gute Hilfe sein wenn es denn notwendig ist. Allerdings muss man sich diesen Komfort durch eine zusätzliche Außenhülle am Lenker erkaufen.

Grundlegend geändert wurde auch der Akku. Er ist (noch) länger und schmaler geworden. In den höherpreisigen Modellen ist sogar ein 700 Wh-Akku enthalten. In meinem Testbike war aber "nur" ein 500 Wh-Akku verbaut (2017er Levo 460 Wh). Der Akku kann am Bike geladen werden. Man kann ihn aber auch entnehmen. Am 2017er Levo ist das recht einfach. Man löst eine Steckachse und der Akku klappt nach unten raus. Beim 2019er ist das etwas schwieriger. Das Rad muss dazu entweder auf die Seite gelegt oder auf den Kopf gestellt werden. Dann kann der Akku nach unten herausgezogen werden. Der Vorteil dieser Lösung soll sein, dass der Rahmen angeblich steifer und trotzdem leichter konstruiert werden konnte.
Leider entfällt dadurch auch die beim 2017er vorhandene Möglichkeit oberhalb des Akkus einen Ersatzschlauch und Werkzeug im Rahmen zu verstauen. Mir persönlich gefällt insgesamt die "alte" Version besser, allerdings gibt es dafür auch nicht die Möglichkeit, einen 700 Wh-Akku zu verwenden.

Ebenfalls neu entwickelt wurde die App "Mission-Control", mit der die Einstellungen geändert werden können und die Touren aufgezeichnet und auf einer Karte dargestellt werden kann. Da ich sie nur für die Einstellungen brauche (ich verwende zum Navigieren die App "Locus") bin ich vor einiger Zeit zur App "Blevo" eines unabhängigen Entwicklers gewechselt, da sie wesentlich detaillierte Einstellungs-Möglichkeiten erlaubt und erheblich mehr Daten liefert (nicht unwichtig für mich als Datenfreak :-) ). Die "alte" Mission-Control-App hatte zudem bei mir mit erheblichen Absturz-Problemen zu kämpfen. Von der "neuen" App hatte ich mir mehr versprochen. Das Aussehen und die Bedienbarkeit finde ich besser gelungen wie bei der alten, aber die Datenfelder und die Auswertung sind weniger geworden (oder ich habe sie in der Kürze der Zeit nicht entdeckt). Ich war froh, als ich feststellte, dass Blevo auch mit dem Levo 2019 zusammenarbeitet.

Meine Eindrücke: Für das 2019er Levo spricht die Bedienung am Lenker und Anzeige auf dem Oberrohr. Für mich eine klare Verbesserung. Beim Akku empfinde ich die "alte" Lösung als die bessere, nicht zuletzt deshalb, weil ich als "ohne-Rucksack-Fahrer" Schlauch, Werkzeug und CO2-Patronen im Rahmen verstauen kann. Dafür verzichte ich allerdings auch auf die Möglichkeit, einen stärkeren Akku verwenden zu können.

Fazit: Der neue Motor und die 29 Zoll Laufräder haben mich persönlich nicht überzeugt. Hätte ich allerdings nicht vorher das 2017er Levo so ausgiebig gefahren, wäre das 2019er trotzdem eine Kaufalternative. Es ist schon ein tolles Bike. Allerdings (und da kommt ein dickes ABER), die für mich von der Ausstattung und hier insbesondere Gabel und Dämpfer interessanten Modelle beginnen bei einem UVP von ca. 8.000 Euro. In den vom Preis her darunter liegenden Modellen, sind erstens nur der kleinere Akku und zweitens nicht die zu meiner Fahrweise und Touren passenden Teile verbaut. Wie ich bei meiner Testfahrt im September feststellen konnte, ist die RockShox Revelation und erst recht nicht die für schwere E-Mtbs und dazu noch in ruppigem Gelände unterdimensioniert wirkende RockShox Sector die passende Ausstattung. 

Hätte ich nicht vorher das 2017er levo gefahren, wäre ich wahrscheinlich vom 2019er Levo sehr begeistert. Aber wie ihr wisst, das Bessere ist der Feind des Guten und ich betone es nochmals, für mich persönlich ist das "alte" Levo das bessere Bike. Für alle Interessierten gilt, sich selbst mal Eindrücke zu holen und einfach mal das Levo 2019 probezufahren. Ich bin sicher, Andreas, der Inhaber von bestbike berät euch gut und stellt euch gerne ein Testbike zur ausgiebigen Probefahrt zur Verfügung. Vielen Dank nochmal an Andreas, dass ich das Levo 2019 so ausführlich testen durfte.