Vor ein paar Wochen bin ich (erstmals) eine ausgiebige Runde mit einem E-MTB gefahren (Ein E-MTB für mich?). Damals war ich begeistert von der zusätzlichen Power bergauf und im Trail, sowie E-MTB unabhängig von den superbreiten Plus-Reifen. Weniger gut hat mir der "Schub" bei jedem Tritt, das laute Geräusch und die geringe Reichweite gefallen. Ich wollte aber weiter testen und hatte mir vorgenommen, außer dem im Giant-Bike verbauten Yamaha-Motor auch mal andere Bikes mit vor allem anderen Motoren zu testen.

Dazu bot mir Georgs Fahrradladen aus Mönchengladbach Mitte Februar Gelegenheit. Sie stellten mir ein Specialized Turbo Levo (mit einem Brose-Motor) für eine ausgiebige Testfahrt zur Verfügung. Simon, der Verkäufer schilderte seine eigenen Eindrücke zum Testbike so, dass das Levo sich wie ein Mountainbike und nicht wie ein E-Bike fährt. Das Levo ist das einzige E-MTB auf dem Markt, bei dem der Biker per App die Höhe der Unterstützung in den einzelnen Modi (Eco - Trail - Turbo) einstellen kann. Simon zeigte mir auf seinem Handy die App und stellte die niedrigste Unterstützungsstufe "Eco" auf 30% ein. Nach der Testfahrt durch einige GreenTubes (die wegen der Jahreszeit nicht ganz so grün wie sonst waren) und über die Süchtelner Höhen konnte ich seine Aussage nur bestätigen. Es macht einfach einen Heidenspaß, das Levo über die Hügel zu jagen. Und auch meine Begeisterung über die auf diesem Bike ebenfalls verbauten 3 Zoll breiten Plus-Reifen wurde nochmals bestätigt.

Aber auch bei diesem E-MTB störte mich das "unharmonisches" Treten wie beim Giant. Bei jeder Pedalumdrehung trat ich zuerst ganz kurz gegen einen Widerstand und dann setzte die Unterstützung ein. Auch war mir persönlich die Unterstützung durch den Motor auf ebenen Strecken viel zu stark. Auf der Rückfahrt von den Süchtelner Höhen über Feldwege waren die 25 km/h schnell erreicht. Bei 25km/h wird der Motor bei E-MTBs ja normalerweise abgeriegelt und die Motorunterstützung setzt aus. Das Fahrverhalten in diesem Bereich hat mich gelinde gesagt alles andere als begeistert. Stellt euch das so vor: 25 erreicht - Motor riegelt ab - keine Unterstützung - Treten wird erheblich schwerer - Tempo fällt unter 25 - Unterstützung setzt wieder ein - 25 erreicht - Motor riegelt ab - ....

Nach ca. 30 gefahrenen Kilometern war der Akku dann leer und ich hatte das zweifelhafte Vergnügen, die restlichen 8-9 Kilometer ein 22-Kilo-Bike mit etwas schwer rollenden fetten Reifen zurück zu Georgs Fahrradladen ohne Motorunterstützung treten zu dürfen. Die anderen nicht ganz so positiven Erfahrungen hätte ich ja noch akzeptieren können, aber dass der Saft schon nach 30 Kilometern verbraucht war (beim Giant nach 40), war für mich das entscheidene Kriterium, den Kauf eines E-MTB zunächst mal zu verschieben bis zukünftig mehr Akkukapazitäten zur Verfügung stehen. Ehe ich von meinem Wohnort aus in den interessanten Trails bin, muss ich mindesten 10 Kilometer über flaches Land. Dann blieben mir im besten Fall ja noch 10 Kilometer für die Trails. Fazit: ein E-MTB kommt für mich derzeit nicht in Frage.

Aber der Virus war in mir. Fuhren andere E-Biker nur kurze Runden oder fuhren sie grundsätzlich mit dem Auto zu den Trails? Wie weit reichte denn bei anderen der Akku? Wie fühlt es sich an, wenn man die Unterstützung niedriger ansetzt?

Erste Recherchen im Internet zeigten, dass durchaus Reichweiten von maximal 80 - 100 Kilometern bei um die 1000 Höhenmeter möglich waren. Die meisten so gemeldeten Touren hatten den Eco-Modus auf 15% eingestellt. Da musste ich mich also mal mit der App beschäftigen. Neben der Unterstützung in den einzelnen Modi kann man unter anderem auch noch den Motorstrom und die Beschleunigungs-Sensibilität einstellen. Das musste ich doch noch mal live testen.

Der andere Specialized-Händler in meiner Region ist Andreas von bestbike in Alsdorf. Er bot mir an, ein Levo auszuleihen und auf meinen Hometrails zu testen. Das habe ich Mitte voriger Woche getan. Diesmal habe ich die App auf meinem Handy installiert und die verschiedenen Einstellungen intensiv probiert. Als Idealzustand für mich habe ich definiert, dass der Motor das Mehrgewicht des Bikes gegenüber einem normalen Mountainbike ausgleicht und mir bei Anstiegen und Antritten Unterstützung gibt. Insgesamt bin ich ca. 100 Kilometer gefahren und zu folgenden Ergebnissen gekommen:
Den Eco-Modus habe ich auf 15%, den Trail-Modus auf 35% und den Turbo-Modus auf 70% eingestellt. Den sogenannten "Motorstrom" auf 100% und die Beschleunigung auf "normal" (= mittlere Position). Anschließend bin ich eine 60-Kilometer-Tour gefahren und zwar von mir aus ca. 10 Kilometer flache Anfahrt bis Wassenberg, dann von dort aus die bekannten Trails zwischen Birgelen und Dalheimer Mühle/MERU und wieder zurück über Trails bis Wassenberg (insgesamt 40km). Dann wieder 10km zurück flach. Insgesamt hatte die Tour ca. 850 Höhenmeter. Meistens bin ich im Eco-Modus gefahren, in den Trail-Modus habe ich nur selten geschaltet (z.B. an etwas steileren Anstiegen und probehalber auch mal den kompletten Rothenbach-Trail), den Turbo-Modus habe ich gar nicht gebraucht. 

Am Ende hatte der Akku tatsächlich noch 30% Restkapazität. Hochgerechnet heisst das, dass Touren so um die 80 Kilometer mit einem Trailanteil von 40-50 Kilometern in unserer Region für mich(!) möglich sind. Bei Eco=15% wird das Mehrgewicht des Bikes etwas mehr als ausgeglichen und es ließ sich tatsächlich noch einen kleinen Ticken besser treten wie ein normales Mountainbike. Die Unterstützung bergauf habe ich als bekennender Uphill-Hasser als überaus angenehm empfunden. Ich habe mich tatsächlich zum ersten Mal in meinem langen Bikerleben darauf gefreut, berghoch zu fahren. Das "unharmonische" Treten konnte ich diesmal nur in einem erheblich geringeren Umfang bemerken. Auch die Beobachtung der unangenehmen Effekte bei der Abriegelung bei 25 km/h wurden diesmal nicht bestätigt. Das Nachlassen der Unterstützung in diesem Bereich erfolgt quasi ganz sanft. 

Andere Einstellungen habe ich testweise mal verändert. So fand ich beispielsweise heraus, dass Eco = 15% für mich in unserer Region die ideale Einstellung ist. Beschleunigungs-Sensibilität auf "Race" zu stellen ist auch mal eine interessante Erfahrung.

Eigentlich wollte ich ja noch andere E-MTBs mit anderen Motoren testen, ehe ich mich für oder gegen einen Kauf entscheide. Aber mir ist durch die letzten Testfahrten klar geworden, wie wichtig mir persönlich individuelle Einstellungsmöglichkeiten sind. Und die bietet in dieser Form eben derzeit nur Specialized an. Der Motor und die App sind natürlich nicht die einzigen Merkmale, die entscheidend sind. Auch das Gesamtpaket muss stimmen und da kann ich Simon von Georgs Fahrradladen nur beipflichten. Das Levo fährt sich tatsächlich wie ein Mountainbike und genau das habe ich gesucht. Beim Giant hatte ich eher das Gefühl gefahren zu werden, beim Specialized bestimme ich, in welcher Form es wie und wohin geht. 

Da die Entscheidung pro E-MTB jetzt gefallen war, entschied ich mich, schnellstmöglich ein Levo zu ordern. Wie Andreas mir mitteilte, ist das Levo so stark nachgefragt, dass manche Modelle bereits ausverkauft sind. Ich hoffe, mein neues Bike in den nächsten Tagen zu bekommen. Unklar ist nur noch die Farbe. Am liebsten hätte ich das rote, es könnte aber sein, dass das auch schon nicht mehr lieferbar ist. Sonst werde ich das grüne (Farbe wie das Testbike) nehmen. Die Vorfreude auf kommende gemeinsame Touren ist riesig. Schon in dieser Saison bin ich wieder in der Lage, mit den oft wesentlich jüngeren Bikerinnen/Bikern mithalten zu können. Ich hatte schon befürchtet, nie mehr meine geliebten Ardennen-Touren fahren zu können, nachdem ich bei der 3-Bäche-Tour 2016 so furchtbar abgekackt bin.

Dieser Bericht ist kein Testbericht im eigentlichen Sinn, sondern spiegelt nur meine persönlichen Ansprüche und Erfahrungen wieder. Ich empfehle euch, falls ihr auch mit dem Gedanken an den Kauf eines E-MTB spielt, eure eigenen ErFAHRungen zu machen. Vielleicht helfen euch meine ein klein wenig weiter. 

Ergänzung 22.3.2017: Passend zu meinem gestrigen Bericht hat E-MTB-News gerade einen Testbericht über das Levo veröffentlicht. Er bestätigt nochmal meine Eindrücke und auch meine Entscheidung.